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Seyran Ateş zu Sexualmoral und Demokratie

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In gewohnt provokanter Weise behauptet Seyran Ateş in ihrem neuen Buch, „die religiös begründete Sexualmoral“ der Muslime stehe im Widerspruch zu einer demokratischen Gesellschaft. „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ lautet der Titel der Streitschrift, die sich vor allem gegen die Unterdrückung und Ungleichbehandlung von Frauen und Mädchen auf der Grundlage religiöser Normen wendet. Als Vorbild dient Ateş dabei die 68er-Revolte in Deutschland: Diese habe die deutsche Gesellschaft grundlegend verändert. Demgegenüber beschreibt sie ihre eigenen Erfahrungen und die Lebensrealität vieler junger Frauen in muslimischen Milieus: Auf ihren Schultern laste die Ehre der ganzen Familie. Deshalb würden ihnen ihre individuellen Freiheiten genommen, deshalb sei vielen Eltern die frühe Verheiratung ihrer Töchter wichtiger als deren Bildung.

Über Jungfrauen- und Männlichkeitswahn schreibt Ateş ebenso wie über arrangierte Ehen und die Ablehnung des „unmoralischen“ Westens. Dabei sei doch die sexuelle Selbstbestimmung in der, wie sie sagt „islamischen Welt“, aber auch unter Muslimen in Deutschland Voraussetzung für Fortschritt und Entwicklung.  

Was von alldem nun genau mit der Religion zu tun hat, wäre allerdings zu hinterfragen. Bisweilen arg unreflektiert führt Ateş alle Unfreiheiten, Verklemmtheiten und Zwangsvorstellungen auf „den Islam“ zurück. Muslime, die sich von traditionalistischen Einstellungen distanziert haben, sowie unterschiedliche Positionen von religiösen Muslimen in Erziehungsfragen oder zu Homosexualität bleiben auf diese Weise ausgeklammert. Folgerichtig kritisiert Ateş den Ansatz islamischer Frauenrechtlerinnen, die für eine andere Auslegung der religiösen Quellen streiten. Ein solches Engagement geht aus Sicht der Autorin und Anwältin nicht weit genug, denn, so erklärt sie: „Die Vorherrschaft des Mannes stellt im Islam das zentrale Problem dar.“ Zur Überwindung dieser im Namen der Religion legitimierten Vorherrschaft sei, so Ateş, eine strikte Trennung von Religion und Politik erforderlich. Nur so seien demokratische, sprich gleichberechtigte Verhältnisse zu schaffen.

Dabei sind es gerade die vielen von Ateş selbst angeführten Beispiele aktueller und gar nicht so lang vergangener Ungleichheit von Frauen und repressiver Sexualmoral in „westlichen“ Gesellschaften, die daran zweifeln lassen, ob sich denn all die von ihr völlig zurecht angeprangerten Formen von Zwang, Unterdrückung und Ungleichheit allein auf die Religion zurückführen lassen. Und: Mit ihren auch für eine Streitschrift mitunter zu pauschalen Angriffen auf die Religion dürfte Ateş gerade viele derjenigen muslimischen Leserinnen verprellen, um deren Rechte es ihr doch geht. (Hier und hier Rezensionen zum Buch.)

Seyran Ateş, Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift, Ullstein, Berlin 2009, 219 S., 19,90