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Salafitische Demo gegen Diskriminierung von Muslimen
Sonntag, 05. Juli 2009 um 20:52 Uhr
„Wir sind Deutsche. Deutschland ist unsere Heimat!“ rief der zum Islam konvertierte Starprediger Pierre Vogel aus. Und: „Wir reichen jedem die Hand, wir sind nicht gekommen, die deutsche Gesellschaft zu bespucken!“ Aber „wir Muslime“, so Vogel, erwarten von der deutschen Gesellschaft, endlich akzeptiert zu werden: Es ginge um Gleichberechtigung und um Religionsfreiheit. Letztere sei nämlich in Deutschland lediglich eine „heuchlerische Maske“, die es – angesichts von, so behauptet er, zehntausenden von Frauen, die gezwungen würden, das Kopftuch abzulegen – herunterzureißen gelte.
Der populistische und vor allem in der jungen salafitischen Szene bekannte Prediger sprach vor ein paar hundert Demonstranten, die sich heute nachmittag vor dem Rathaus in Berlin Neukölln versammelt hatten. Sie waren einem Aufruf des zu dieser Szene gehördenden IBKB (Islamisches Bildungs- und Kulturzentrum Braunschweig) zu einer „Kundgebung gegen Diskriminierung muslimischer Frauen“ gefolgt. Anlass der Kundgebung war die Ermordung der in Dresden lebenden Ägypterin Marwa El-Sherbini aus rassistischen Motiven (s. dazu hier unseren Bericht mit Hinweisen auf diverse Aufrufe). Viele der Demonstranten kamen von der ebenfalls in Berlin gelegenen Al-Nur-Moschee, wo an diesem Wochenende ein salafitisches "Islamseminar" mit mehreren hundert Teilnehmern aus ganz Deutschland stattfand. Dementsprechend dominierten junge Männer mit den für diese Szene typischen langen Gewändern und Bärten sowie – auf der anderen Seite des Kundgebungsplatzes – Kopftuch tragende Frauen das Erscheinungsbild der Demonstration. Hinzu kamen einige Berliner Muslime, die hier ihre Empörung über den Mord an der jungen Frau und Mutter zum Ausdruck bringen wollten.
Für Pierre Vogel tragen Politik und Medien die Hauptschuld an dem Verbrechen: Er sprach von „Hetzpropaganda“ gegen den Islam und der „Heuchelei“ der Medien, die über die Tat in Dresden kaum berichtet hätten und die andauernde Diskrimininierung von Muslimen „totschweigen“ würden.
Andererseits, so Vogel weiter, könne man sich die "Ehrenmord-Schlagzeilen" vorstellen, wenn ein türkischer Ehemann im Gerichtssaal seine Frau umgebracht hätte, weil diese ihn betrogen hätte. Mit diesem Vergleich traf er den Nerv seiner Zuhörer/innen – spontaner Jubel unterbrach hier seine Rede. Überhaupt zielte Vogel vor allem darauf, Unterdrückung und Diskriminierung von Muslimen – vor allem Frauen - in Deutschland anzuprangern. Kein „Einzelfall“ sei nämlich die Tat von Dresden, sondern womöglich nur der „erste Fall“. Vogel, der bereits an anderer Stelle unter dem Motto „Wehret den Anfängen“ über Islamfeindschaft und nationalsozialistischen Antisemitismus gesprochen hatte (mehr dazu hier), verglich erneut die aktuellen „Methoden“ der „islamfeindlichen Propaganda“ mit denen des NS, welche die Verfolgung und Ermordung von Millionen eingeleitet hätten. Keiner wisse, so Vogel, wie es in Deutschland in 10 Jahren um die Stellung der Muslime bestellt sei.
Vogel fühlt sich sichtlich wohl dabei, solche Szenarien zu entwickeln. Schließlich erzielt er damit auch die größte Wirkung: „Ab heute wird aufgestanden!“ ruft er den Kundgebungsteilnehmern zu, die das mit lautstarkem Beifall und „Allahu-Akbar“-Rufen begrüßen. Die größte Schwäche der Muslime sei es, sich nicht genügend gegen die Diskriminierung zu wehren, meinte der Prediger, bezeichnete dies als „Angsthasenmentalität“ und fragte als Seitenhieb auf die großen islamischen Verbände, wo denn deren Proteste blieben. Schließlich, so Vogel an sein Publikum, „könnte es morgen Eure Tochter sein, die abgeschlachtet wird“.
Zwar hätten auch die Muslime Fehler gemacht: Nicht zuletzt an seine eigene junge Gemeinde adressiert, nannte Vogel dabei zum wiederholten Male Jugendliche, die Terrorattentate in Erwägung zögen, außerdem kritisierte er Zwangsheiraten oder, dass Mädchen von ihren Familien „platt gemacht“ würden, wenn sie sich mit einem Jungen träfen, die Söhne des Hauses aber mit immer neuen Freundinnen ankommen dürften – all das, so der Redner, sei mit dem Islam nicht zu vereinbaren. Vor allem aber müssten die Muslime „den Mund aufmachen“: „Die ganze Umma steht hinter Euch, wenn Ihr darauf besteht, das Kopftuch zu tragen!“ rief Pierre Vogel etwa den Frauen zu und tut, als ob es tatsächlich ein allgemeines Kopftuchverbot gebe und als ob tatsächlich eineinhalb Milliarden Muslime auf der Welt fürs Kopftuchtragen seien.
Hier wird die Attraktivität der Demagogie von Pierre Vogel insbesondere für junge und für neue Muslime deutlich: Berechtigte Kritik - ohne Zweifel hatte die Tat von Dresden einen islamfeindlichen und rassistischen Hintergrund, der weit über den Einzelfall hinausweist – mischt er mit Horrorszenarien und Verschwörungstheorien, die seinen Anhängern suggerieren, Teil einer verfolgten und unterdrückten Minderheit zu sein, die selbst nichts weiter wolle, als Gerechtigkeit. Dies ist anziehend für eine große Zahl junger Muslime, die auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit sind. Und das liefern Vogel und seine Gemeinde: Das Gefühl von Gemeinschaft und die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein.
Dass dieser Weg keine Ambivalenz kennt und nicht Ergebnis pluralistischer und kontroverser Auseinandersetzung mit Religion und Gesellschaft sein kann, wird dabei nur am Rande und meist indirekt deutlich – etwa wenn Vogel den Tod von Marwa El-Sherbini zum Anlass nimmt, über das Schicksal von Größen der mittelalterlichen islamischen Rechts- und Geistesgeschichte wie Ibn Hanbal und Ibn Taimiyya zu sprechen, die einst (von Muslimen) verfolgt und umgebracht, heute als anerkannte islamische Gelehrte und Autoritäten gelten würden. Davon, dass es kein Zufall ist, dass jener Ibn Taimiyya heute ein Vordenker radikal-islamistischer Strömungen bishin zu Al-Qaida ist, will Pierre Vogel lieber nichts wissen. Auch nichts wissen will er von Muslimen, die seiner Meinung nach von den Medien hofiert würden und „Alkohol trinken“ oder „Zina“ (außerehelichen Geschlechtsverkehr) akzeptierten. Solche Muslime, so Vogel, hätten nichts mit dem Islam zu tun. Mit „seinem Islam“ müsste er eigentlich sagen - tut er aber nicht.
Es ist ein spezifischer, eng an den religiösen Quellen und an konservativen Gelehrten und ihren Interpretationen orientierter Islam, für den Vogel anlässlich des Mords in Dresden wirbt. Und wenn er Religionsfreiheit einfordert, dann sind von diesem Islamverständnis abweichende religiöse Überzeugungen und Lebensweisen von andersdenkenden Muslimen für ihn kein richtiger Islam. Solche Freiheiten meint der Salafismus nicht. Sie führen, das suggeriert der Prediger seinen Zuhörern, auf direktem Wege in die Hölle.
(Nachzulesen, anzusehen und anzuhören ist das alles in den vielfältigen Materialien, die junge Anhänger des salafitischen Islam im Rahmen solcher Veranstaltungen immer wieder in großem Umfang unter Muslimen und Nicht-Muslimen verteilen. „EinladungZumParadies“ ist zum Beispiel der Name einer von vielen Pierre-Vogel-Websites, „boot-der-rettung“ eine andere. Und auch eine CD mit einem Vortrag des Predigers wurde gestern wieder verteilt: Darin geht es um den Sinn des Lebens und um die Frage „Was bedeutet das für mich, wenn ich kein Muslim bin?“. Hier ein Video des Auftritts von Pierre Vogel auf Youtube.)

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