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"Niedergang der westlichen Medien" – Arabische Kritik an der Nahostberichterstattung
Montag, 11. Mai 2009 um 19:00 Uhr
“Seit sechs Jahreszehnten unterstützen die westlichen Medien Israel bei dessen Verbrechen an den Palästinensern und in den Kriegen, die Israel gegen die Araber führt.“ Zu diesem Urteil kommt Jihad al-Khazen in einer aktuellen Kolumne für die in London erscheinende arabische Tageszeitung al-Hayat. „Kein Wunder, dass die westlichen Medien im Niedergang begriffen sind“, heißt es hier. (Hier in der arabischen Fassung und hier in einer leicht veränderten englischen Übersetzung.)
Als Kolumnist und ehemaliger Chefredakteur der Zeitung ist Khazen eine der einflussreichsten Stimmen in der arabischen Öffentlichkeit. Angesichts seiner Vertrautheit mit den Diskussionen in Europa gilt er zudem als wichtige Stimme der arabischen Communities in Europa. “Der Unterschied zwischen den Tageszeitungen, zwischen dem einem Monats- oder Vierteljahresmagazin und einem anderen besteht dabei nur darin, welches Ausmaß diese Unterstützung (für Israel) annimmt“, schreibt Khazen weiter. Damit gibt er eine Einschätzung wieder, die von vielen arabischen Migranten und Muslimen auch in Deutschland geteilt wird.
Erst jüngst geriet die ARD in die Kritik, als sie Anfang Januar das Thema einer Folge der Talkshow „Anne Will“, die als Auseinandersetzung mit dem Krieg in Gaza angekündigt worden war, kurzfristig änderte. (dazu mehr hier) Auch hier wurde eine pro-israelische Parteinahme als Hintergrund der Entscheidung angenommen. Ein offener Brief, mit dem gegen die Entscheidung der ARD protestiert wurde, stieß unter Migranten und Muslimen auf großes Echo. (Siehe dazu die Reaktionen auf musafira.de und dunia.de. Zu den Vorwürfen nahm Anne Will in einem Gespäch mit der FAZ Stellung.)
Nicht selten wird in diesen Vorwürfen auf ein vermeintliches historisches Trauma verwiesen, das die deutschen Medien daran hindere, kritisch über Israel – und über Juden allgemein – zu berichten. In diesem Sinne deutet etwa der Islamwissenschaftler und Publizist Anis Hamadeh die Reaktionen in der deutschen Öffentlichkeit auf den Krieg in Gaza. In seinem Beitrag „Nach Gaza – Deutsche Öffentlichkeit übt Solidarität mit den Tätern“, den er auf seinem Weblog veröffentlichte, betont er, das der „'Schutz' Israels“ für die Deutschen eine zentrale Lehre des Zweiten Weltkriegs sei. Für die Deutschen bedeute dies, dass der Staat Israel nie Aggressor oder Täter sei, der zur Rechenschaft gezogen werden müsse. Hamadeh geht noch einen Schritt weiter und behauptet: „Man hat also – lassen Sie uns das ganz deutlich sehen – die absolute Solidarität vom Nazistaat weg zum Judenstaat hin gelenkt.“
Tatsächlich polarisiert kaum ein Thema die hiesige Öffentlichkeit so sehr wie der Konflikt um Israel und Palästina. Neben Zeitungen und Nachrichtensendungen erreichen dabei auch Weblogs und Homepages, die sich mit dem Konflikt beschäftigen, täglich zehntausende Leser. Oft geht es hier – aus unterschiedlicher Perspektive – auch um Kritik an vermeintlich oder tatsächlich einseitiger Medienberichterstattung. Übersehen wird dabei nicht selten, dass sich – oft in ein und demselben Magazin – sehr unterschiedliche Beiträge zum Nahostkonflikt finden lassen, die mal eher der einen mal der anderen Seite zugeneigt scheinen. Unberücksichtigt bleibt meist auch, dass sich rassistische und antisemitische Ressentiments keineswegs ausschließen: Eignet sich der Nahost-Konflikt doch sehr gut dazu, rassistische Vorbehalte gegenüber „den“ Muslimen mit antisemitischen über „die Juden“ zusammenzubringen. (Siehe dazu zum Beispiel die Studie „Die Nahost-Berichterstattung zur Zweiten Intifada in deutschen Printmedien, unter besonderer Berücksichtigung des Israel-Bildes“ des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. Zum Islam-Bild in deutschen Medien siehe auch die Studie „Das Gewalt- und Konfliktbild des Islam in ARD und ZDF“ von Kai Hafez und Carola Richter)
Für Jihad al-Khazen ist die vermeintliche Einseitigkeit der Berichterstattung über Israel und den Nahen Osten schließlich auch Ausdruck eines allgemeinen Niedergangs der klassischen Medien. In seiner Kolumne geht er auch auf eine aktuelle Diskussion um die Israel-Berichterstattung der BBC ein, die von einer vermeintlichen „israelischen Lobby“ gegen den Sender geschürt werde. (hier) Auf diese Weise, so Khazen, werde versucht, eine ausgewogene Berichterstattung über den Israel-Palästina-Konflikt zu verhindern. Und wenn, so erklärt Khazen in al-Hayat weiter, selbst die BBC von dieser Lobby beeinflusst werde, dann sei es kein Wunder, „dass die westlichen Medien als Ganzes“ dem Niedergang entgegen gingen.


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