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Nafisa.de: Positionen zu einem "islamischen Feminismus"
Dienstag, 18. November 2008 um 10:57 Uhr

Nafisa.de ist ein neues Internetportal, das sich vor allem um Frauen im Islam dreht. Die drei muslimischen Autorinnen Nina Mühe, Silvia Horsch und Kathrin Klausing beschäftigen sich, wie sie sagen, aus „persönlichen und beruflichen Gründen intensiv mit den Themenbereichen 'Frau', 'Geschlecht', 'Islam' in einer pluralistischen Gesellschaft“. Dabei wollen sie nicht nur „einseitigen Debatten und tendenziöser Berichterstattung“ begegnen, sondern sich zudem „aktiv an innerislamischen Diskussionen um das Thema Frau und Geschlechterverhältnis“ beteiligen.
Sie betonen die Rolle und die Rechte von Frauen im Islam und beziehen sich dabei auf bedeutende weibliche Rechtsgelehrte, Mystikerinnen oder auch Predigerinnen. Zu diesen zählt auch die Namengeberin des Projekts Nafisa bint al-Hasan, eine Urenkelin des Propheten Muhammad, die „aktiv am religiösen und gesellschaftlichen Diskurs ihrer Zeit teilhatte“. Das macht sie für nafisa.de zu einem „wegweisenden Modell für eine Teilhabe am öffentlichen Leben und intellektuellen Diskurs“, die es innerhalb und außerhalb der muslimischen Community „noch zu verwirklichen“ gelte.
Dabei bewegen sich die Autorinnen im Feld eines vielleicht als „kreativ konservativ“ zu bezeichnenden Islamverständnisses.
Vor allem aus den Quellen des Islam leiten sie ihre Forderung nach einer stärkeren Rolle von Frauen ab. Und die Positionen von Frauenrechtlerinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates weisen sie zurück – etwa im Rahmen der Debatte um die Kopftuchbroschüre des Berliner Integrationsbeauftragen (s. den ufuq-Eintrag vom 2. Oktober zur Debatte um die Broschüre; und hier der Artikel auf nafisa.de dazu).
Sehr interessant ist u.a. ein Interview mit der ägyptischen Wissenschaftlerin Omaima Abou-Bakr über den „islamischen Feminismus“, das die nafisa-Autorin Kathrin Klausing auf ihrer eigenen Homepage musafira.de (dt. etwa: die Reisende) veröffentlicht: Auch Abou-Bakr, die derzeit in Qatar englische Literatur lehrt, setzt sich für eine stärkere Rolle von Frauen in der Gesellschaft ein und bezieht sich dabei auf Frauenfiguren in der islamischen Geschichte. Und wenn dies im Westen zur Kenntnis genommen werde, sagt sie, könne das „zum Abbau von Annahmen oder Vorurteilen beitragen, dass ALLE muslimischen Frauen still und unterwürfig seien, weil sie ungebildet und dumm seien“. Allerdings warnt sie vor einer „versteckten Agenda“ mancher westlicher Einrichtungen, die durch die Förderung solcher feministischen Positionen eigentlich nur den Islam „auf die Anklagebank“ setzen und der arabischen Welt „bestimmte fremde Diskurse und Interpretationen und das Rechtfertigen westlicher Hegemonie“ aufzwingen wollten.
In der arabischen Welt hätte dies nämlich den Effekt, „dass muslimische oder islamische Feministinnen beargwöhnt werden“, meint Abou-Bakr. Dabei, so fügt sie hinzu„sprechen heute immer mehr Frauen direkt und unverblümt über Rechte in der Öffentlichkeit – ohne zu wissen, dass dies eine Art feministischer Widerstand ist. Immer mehr Frauen sind stolz auf ihre islamische Identität/religiöse Observanz und das Durchsetzen ihrer schariagemäßen Rechte, ohne zu wissen, dass diese Haltung eine Form islamischen oder indigenen Feminismus ist“.
Kritischer beurteilt sie dagegen neuere Positionen „islamischer Feministinnen“. Ihnen hält sie vor, eher oberflächlich als wissenschaftlich zu argumentieren und sich als Teil eines „progressiven Islams“ zu verstehen:
„Es gibt noch immer einige beeindruckende Arbeiten in dem Bereich islamisch-feministischer Hermeneutik, die ich als Meilensteine ansehe: Waduds erstes Buch, Meisam Al-Faruqis Artikel in ´Windows of Faith´, Azizah Al-Hibris Artikel ´A Study of Islamic Herstory´, manche von Riffat Hassans Sichtweisen, Asma Barlas geniales Buch, Ziba Mir-Hosseinis Arbeit oder May Yamanis ´Islam and Feminism (…). Es scheint allerdings eine neue, konfrontationslustigere Phase in der Entwicklung der Bewegung zu geben, die ´islamischen Feminismus´ als einen Teil der größeren Bewegung ´progressiver Islam´ verstanden haben will. Hier wagt man sich in bislang unbetretene Gebiete vor, indem man Dinge wie Homosexualität anspricht oder auf vielen anderen Gebieten auf aggressive Weise mit orthodoxen Sichtweisen aneinander prallt. Diese provokative Haltung – manchmal nur um der Provokation willen bzw. um Aufmerksamkeit zu erhaschen – irritiert mich. Es beunruhigt mich, weil hier der Schwerpunkt auf Provokation und Sensation liegt und nicht mehr auf Gelehrsamkeit und Produktion von Wissen.“
Als „chaotisch“ bezeichnet Omaima Abou-Bakr diese Entwicklung des Diskurses über islamischen Feminismus. Als Beispiel für diesen Trend nennt sie Waduds letztes Buch ´Inside the Gender Jihad´: „Hier bewegt sie (Wadud) sich über hermeneutische oder spezifische Koraninterpretationen in ihrem ersten Buch hinaus – indem sie diesen Ansatz als apologetisch bezeichnet – und langt nun bei grenzenlosen Sichtweisen an, die sie selbst ´post-text´ nennt. Sie beschreibt diesen neuen Ansatz als ´Textintervention´ , was die mögliche Ablehnung bestimmter expliziter Verse bedeutet (‘nein’ zum Text sagen), welches aber immer noch durch den Koran als ´Fenster zum Durchsehen´ oder ´Schwelle zum Übertreten´ geleitet und unterstützt werde, einem aber nunmehr grenzenlos viele Möglichkeiten der Bedeutung eröffne.“
Von solchen neueren Lesarten der religiösen Quellen innerhalb des „islamischen Feminismus“ distanziert sich Abou-Bakr auch aus politischen Gründen: „Damit der islamisch-feministische Diskurs effizient ist, sollten die, die an ihm teilnehmen und forschen, Oberflächlichkeit und Sensationalismus vermeiden und – im Respekt vor der islamischen Tradition – sich auf die wissenschaftliche Erforschung konzentrieren. Sie sollten auch nicht den Mainstream der Muslime – Frauen und Männer oder auch die Ulama (religiöse Gelehrte) – befremden, die wir ja eigentlich alle für unsere Sache gewinnen möchten.“
Von solchen Auseinandersetzungen innerhalb des „islamischen Feminismus“ möchte man gerne mehr erfahren – gerade auch wenn sie unter Muslimen in Deutschland stattfinden. Die Autorinnen von nafisa.de, die die Anliegen der ´AG Muslimische Frau in der Gesellschaft´ und deren mittlerweile nicht mehr betriebene Seite ´Muslimat-Berlin´ fortsetzen wollen, erklären jedenfalls: „Uns war immer besonders wichtig, einen Beitrag in der noch immer anhaltenden Diskussion um muslimische Frauen in der (deutschen) Gesellschaft zu leisten – einen Beitrag von muslimischen Frauen selbst.“

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