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Islamische Vereine gegen homophobe Hetze
Mittwoch, 17. September 2008 um 14:33 Uhr

Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Günter Piening, hat für den kommenden Monat einen runden Tisch mit islamischen Vereinen angekündigt, bei dem es um Vorurteile gegen Homosexuelle vor allem bei Einwanderergruppen gehen soll.
Anlass war der Protest des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg gegen homophobe Aussagen in arabischen bzw. islamischen Publikationen, die wir Ende Juli dokumentiert haben: In einem Beitrag des Berliner Anzeigenblatts Al-Salam, der auch auf einer Vielzahl von arabischen Internetseiten kursiert, sowie auf dem international bei jungen Muslimen sehr bekannten islamistischen Internetportal IslamOnline wurden Homosexuelle unter anderem als Verbrecher und als Gefahr für die Gesellschaft diffamiert. (hier und hier )
Die Texte bezogen sich in ihren Aussagen ausdrücklich auf die beiden zentralen Quellen des Islam, den Koran und die Sunna. Gerade in der Sunna, den Aussprüchen des Propheten und Berichten über sein Leben, finden sich Aussagen, die nicht nur als Verurteilung, sondern auch als Aufforderung zur Bestrafung von Homosexualität gelesen werden können. Die religiösen Texte dienten den Autoren als Rechtfertigung für Positionen, die von der Warnung, Schwulen die Hand zu geben, über die Forderung nach einem Ausschluss von Homosexuellen aus der Gesellschaft bis hin zu Forderungen nach deren körperlichen Bestrafung reichten.
Ergänzend zu der Dokumentation dieser Veröffentlichungen baten wir einige islamische Vereine und Organisationen um eine Stellungnahme zu religiös begründeten Diffamierungen von Homosexuellen. Damit sollte nicht suggeriert werden, dass womöglich Muslime per se ein Problem mit Homosexualität haben. Auch ging es nicht darum, "die" islamischen Vereine für die Aussagen anderer Muslime verantwortlich zu machen.
Ziel war es vielmehr, Pädagogen zusätzliche Argumente zu bieten, die in ihrer Arbeit mit religiös begründeten homophoben Einstellungen von Jugendlichen konfrontiert sind: Die Position islamischer Einrichtungen und ihre Deutungen der Quellen könnten ein wichtiger Bestandteil der pädagogischen Auseinandersetzung mit homophoben Äußerungen und Haltungen von Jugendlichen sein.
Auf unsere Anfrage reagierten Ayman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), sowie mehrere Berliner islamische Vereine, die sich zu einer gemeinsamen Stellungnahme entschlossen.
Für den ZMD schrieb Ayman Mazyek in einer kurzen Mitteilung: "Die Haltung der Religion des Islam zur Homosexualität wird von Aussagen des Koran bestimmt; darin verurteilt der Koran Homosexualität als vom islamischen Natur- und Menschenbild abweichend, knüpft daran jedoch keine konkrete Strafe in Leben.
Ausdrücklich betonen wir an dieser Stelle: Keine Gewalt und Diskriminierung gegen Homosexuelle! Wie dies unter anderem in der Islamischen Charta vom 20. Feb. 2002 und anderen Dokumenten der muslimischen Spitzen- und Dachverbänden zum Ausdruck kommt, stehen die Muslime auf der Grundlage des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Danach verhalten und handeln wir auch und verurteilen jegliche Verfolgung und Diskriminierung von Religionen, Minderheiten und Gruppen, darunter auch Homosexuelle." (Hier zur Islamischen Charta.)
Die Einschätzung, dass Homosexualität Sünde sei, wird auch von den Unterzeichnern der zweiten Erklärung geteilt. Betont wird hier allerdings, dass es sich bei Fragen der sexuellen Orientierung um individuelle Lebensweisen handelt, die – unabhängig von einer theologischen Beurteilung – der freien Entscheidung eines jeden Einzelnen unterliegen:
Stellungnahme islamischer Vereine in Berlin zu religiös begründeten homophoben Positionen
„Im April diesen Jahres ist im arabischsprachigen Anzeigenblatt 'Al-Salam' ein Artikel erschienen, in dem der Autor seine persönlichen und homophoben Ansichten zu Homosexualität und ihren Konsequenzen darlegt. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf diesen Artikel war zu Recht Empörung und Unverständnis. Auch wenn der Autor nur für sich selbst sprechen kann, entwickelte sich eine breite Debatte über die Einstellungen von Muslimen in Deutschland zu Homosexualität.
Ausgehend von den Aussagen des Korans gibt es unter muslimischen Gelehrten den Konsens, dass homosexuelle Handlungen theologisch als Sünde zu betrachten sind. Ähnliches gilt – bekanntlich – auch für das Trinken von Alkohol oder außerehelichem Beziehungen. Handlungen, die islamisch-theologisch als Sünde betrachtet werden, können wir aus unserem Glauben heraus nicht gutheißen.
Gleichzeitig sind wir der festen Überzeugung, dass die sexuelle Orientierung, der Konsum von Alkohol, oder was auch immer in der islamischen Theologie als Sünde betrachtet wird, Privatsache ist. Ob wir etwas gutheißen oder nicht, wird und kann die Freiheit des Einzelnen in keiner Weise beschränken. Für uns handelt hier jeder Mensch eigenverantwortlich und wird im Jenseits – dies ist fester Bestandteil unserer islamischen Glaubensvorstellung – vor seinem Schöpfer für sein gesamtes Handeln Rechenschaft ablegen müssen.
Auch wenn wir Homosexualität als solche nicht gutheißen, verurteilen wir jegliche Form der Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle. Wir wenden uns entschieden gegen jegliche Form der Diskriminierung und Verfolgung irgendwelcher gesellschaftlicher Gruppen einschließlich der Homosexuellen.
Zum Schluss sei angemerkt, dass in der aktuellen Berichterstattung über den oben genannten Artikel manche Autoren direkt oder auch indirekt die Vorstellung bzw. Aussage kritisieren, dass Homosexualität eine Sünde ist. Hierdurch erwecken sie den Eindruck, dass dies eine Ursache von Homophobie sei. Nicht die Glaubensvorstellung führt zu Homophobie, sondern vielmehr ein mangelndes Verständnis über die Freiheit des Einzelnen. Muslime – und nicht nur sie – wird man für den Kampf für individuelle Freiheit nicht gewinnen können, indem man Glaubens- und Moralvorstellungen kritisiert. Stattdessen erreicht man das Gegenteil. Entscheidend ist vielmehr die Vermittlung eines richtigen Verständnisses für die vielfältige Freiheit des Einzelnen bzw. des Anderen unabhängig von den eigenen Überzeugungen, die jeder Mensch wiederum für sich frei wählen kann.“
Die Stellungnahme wird unterzeichnet von folgenden Berliner muslimischen Vereinen bzw. Berliner Sektionen nationaler Verbände: Deutschsprachiger Muslimkreis (DMK), DITIB, Inssan, Interkulturelles Zentrum für Dialog und Bildung (IZDB), Islamisches Kultur- und Erziehungszentrum (IKEZ), Muslimische Jugend, Neuköllner Begegnungsstätte (NBS)

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