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Medienghettos? – Medien in der pädagogischen Arbeit mit jungen Muslimen

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von Götz Nordbruch

Eine Rolle als Tatort-Kommissarin – wer träumt nicht von einer solchen Chance. Sibel Kekilli hat es geschafft, seit Sommer 2010 löst sie als Sarah Brandt Mordfälle in Kiel und Umgebung. In einem Interview beschrieb sie diese Rolle als besondere Würdigung ihres schauspielerischen Könnens: Erstmals spielt sie eine Person, die nichts mehr mit ihrer eigenen Biographie als Tochter türkischer Einwanderer zu tun hat. Kübra Gümüsay hat einen anderen Weg eingeschlagen. Auch sie versteht sich selbstverständlich als Deutsche, doch in ihren Beiträgen, die sie auf ihrem Weblog Ein Fremdwoerterbuch und in ihrer regelmäßigen Kolumne in der Tageszeitung taz schreibt, geht es immer wieder auch um Fragen der Religion und des Alltags von Muslimen in Deutschland. „Das Tuch“ heißt ihre Kolumne, und oft ist hier tatsächlich vom Kopftuch und damit verbundenen Geschichten die Rede. Während Kekilli Wert darauf legt, gerade nicht als ‚anders’ wahrgenommen zu werden, sucht Gümüsay als kopftuchtragende Frau ihren Erfolg in der Gesellschaft. Zwei junge Frauen, die vieles miteinander verbindet, die aber ganz unterschiedliche Antworten auf die Herausforderungen als Kinder ehemaliger Arbeitsmigranten in Deutschland gefunden haben.

Diese Vielfalt spiegelt sich in den Medienwelten, in denen sich junge Muslime bewegen. Von einem Medienghetto, in dem sich Jugendliche aus muslimischem Elternhaus einrichten, kann dabei keine Rede sein. In den vergangenen Jahren sind mehrere Medien entstanden, in denen junge Muslime nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Akteure aktiv sind. Das Online-Magazin Cube-Mag und das Videoportal muslime.tv sind Beispiele für das Bemühen dieser Jugendlichen, sich als aktive Bürger in die Gesellschaft einzubringen. Während sich die Herausgeber vom Cube-Mag als „gebündeltes Sprachrohr für jugendliche Muslime” in Deutschland sehen, geht es Nuri Senay von muslime.tv darum, islamische Glaubeninhalte ”aus der Binnenperspektive” zu vermitteln. Die vielfach auf hohem Niveau produzierten Beiträge machen den Aufwand deutlich, der mit diesen nicht-kommerziellen Webseiten betrieben wird.

Der Erfolg dieser Angebote zeigt sich auch daran, dass sich mittlerweile auch die etablierten islamischen Verbände um eine gezielte Ansprache von Jugendlichen im Internet bemühen. Die Plattformen waymo.de und sogesehen.tv, die eng an den Zentralrat der Muslime in Deutschland angebunden sind, stehen für den Versuch, Jugendliche an die bestehenden Strukturen zu binden. Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime und verantwortlich für waymo.de, beschreibt das Portal ”als Klon zwischen Youtube und StudiVZ, nur ganz auf die Bedürfnisse unserer Community zugeschnitten."

Junge Muslime interessieren sich allerdings nicht nur für religiöse Themen. Das wird in den zahlreichen Diskussionsforen deutlich, an denen sich Jugendliche mit türkischem, arabischem oder afghanischem Migrationshintergrund beteiligen. Auf Maroczone oder Vaybee geht es oft eben nicht allein um Fragen des Islam, sondern auch um Mode, Sport, Politik oder Partnersuche. Nicht überraschend ist es daher, dass auch die Bravo oder die Cosmopolitain von vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelesen werden. Und auch auf Facebook verschwimmen religiöse Grenzen, wenn es darum geht, sich unter „Freunden“ über aktuelle Themen auszutauschen.

Gerade an diesen Gemeinsamkeiten setzen Vereine wie ufuq.de an, die mit ihren Angeboten ein Gefühl von Selbstverständlichkeit vermitteln wollen. „Der Islam ist ein Teil von Deutschland – und junge Muslime sowieso“, das ist die Zielrichtung, die in der pädagogischen Arbeit verfolgt wird. Diese Botschaft hat dabei ausdrücklich zwei Seiten. Zum einen geht es darum, Nicht-Muslime für die Themen zu interessieren, mit denen sich junge Muslime im Alltag beschäftigen. Für Lehrer oder Sozialarbeiter kann es hilfreich sein, sich auch mit Fragen vertraut zu machen, die in islamischen Online-Foren diskutiert werden. Denn wer weiß schon, welche Sorgen manchen Jugendlichen umtreiben, wenn der nächste Schulausflug oder die Weihnachtsfeiern anstehen? Die Gespräche in diesen Foren können Anlass sein, auch in gemischten Gruppen über Themen wie Religion und Identität zu diskutieren. Das Interesse für diese Beiträge steht für eine Anerkennung der Interessen und Konflikte, die junge Muslime beschäftigen. Zum anderen bietet die Nutzung von Online-Medien in der pädagogischen Arbeit auch die Möglichkeit, Jugendliche nichtdeutscher Herkunft für allgemeingesellschaftliche Themen zu interessieren. Gerade im Ethik- oder im Politikunterricht bieten sich Gelegenheiten, um Jugendliche zum Mitdiskutieren anzuregen – ohne dass dabei die Religion oder die Herkunft der Jugendlichen im Mittelpunkt stehen. So eignen sich Themen wie die Castor-Transporte oder der Bau von Stuttgart21, die in den Kommentarspalten von Online-Tageszeitungen heiß diskutiert werden, um in einer Schulklasse oder Jugendgruppe auch junge Muslime für politische Themen jenseits von Islam und Nahostkonflikt zu interessieren. Die vermeintlichen Grenzen, die Nicht-Muslime und Muslime trennen, lassen sich in solchen Diskussionen aufweichen.

Dieser Beitrag ist im Dossier Islam, Kultur, Politik der Zeitschrift des Deutschen Kulturrates, Januar 2012, erschienen.

Foto: Screenshot Cube-Mag.